Gelesen: Lucie Flebbe „Fliege machen“

Datum: 30.03.2011 | Autor: Elke | Kategorien: Lucie Flebbe: Fliege machen, Texte | Tags: , , | 4 Kommentare »

Der  verschwundene Obdachlose

Lucie Flebbes neuer Krimi Fliege machen erzählt von der Suche nach einem Obdachlosen namens Fliege, der plötzlich verschwindet. Dass sich die angehende Privatdetektivin Lila überhaupt mit Fliege beschäftigt, ist allerdings nur dem tatkräftigen Engagement des gemeinsamen Kneipenwirtes zu verdanken, der sich Sorgen um seinen ver- schwundenen Stammgast macht. Nachdem er in der Kneipe unflätig herumgepöbelt hat, wird er herausgeworfen – später fürchtet man doch um sein Wohlergehen, denn in der Nacht war es ziemlich kalt. Diese Ausgangssituation hat zur Folge, dass der obdachlose Mann zum Gegenstand einer Ermittlung wird, mithin als Figur, über die sich erzählen lässt, überhaupt interessant ist.

Dies ist weniger banal, als es vielleicht anmutet, vergleicht man dieses Interesse am Leben eines Berbers mit den Krimis von Marcel Feige (Wut)  und Werner Köhler (Crinellis kalter Schatten), in denen es ebenfalls um Obdachlose geht, diese aber nur als Stereotype auftauchen und kaum an individueller Kontur gewinnen. Leider wird dieses erzählerische Interesse am sozial armseligen Leben bei Flebbe aber durch den flotten, gelegentlich auch etwas zu forciert schnodderigen Stil der Autorin konterkariert: So wird Fliege von Lila symptomatisch zumeist nur als „der Penner“ bezeichnet. Auch dass dieser eigentlich nur deshalb einer Untersuchung würdig ist, weil der Kneipier seine beiden Stammgästen, den Privatermittler Ben Danner und dessen Assistentin Lila moralisch unter Druck setzt, mag Ausweis einer realistischen Gesellschaftsbetrachtung sein, zeugt aber auch davon, dass das Leben eines Berber als Krimisujet doch gesondert motiviert werden muss. Soziale Distinktionen bestimmen auch die Genre-Literatur.

Schon im Kindergarten ist es zu spät

Dieser Text gibt recht zuverlässig Auskunft über die sozialen Bilderwelten, etwa wenn Lila Kinder in einem Kindergarten beobachtet: „ Zweifellos würde der als zehn Jahre älterer Gymnasiast immer noch das Gleiche sagen, während Dickerchen Justin wohl eine Bilderbuchkarriere als Schutzgelderpresser bevorstand. Und nach einem mittelmäßigen Hauptschulabschluss bequemes Abhartzen. Oder ein Platz auf der Parkbank, gleich neben unserem Kumpel Fliege. Manchmal überraschten mich meine merkwürdigen Gedankengänge selbst. Was für ein Quatsch! Man konnte den Kleinen wohl kaum ansehen, was später mal aus ihnen wurde. Oder?“ Das ist dann wohl die große Frage. Die „seltsamen Gedankengänge“ sind eben so seltsam nicht, sondern vielmehr Ausdruck der sozialen Konstruktionen, in der ein Kind ohne Zukunftsaussichten notwendig dick bzw. das dicke Kind notwendig ein dummes Unterschichtsgör mit der Lebensperspektive relaxten „Abhartzen“ ist.

Verachtenswerte Helfer

Auch in der Darstellung der Sozialarbeiter folgt der Krimi der Tendenz, diese als negative und tendenziell halbkriminelle Gestalten zu schildern. Während sich in der Wahrnehmung der Obdachlosigkeit also eher ambivalente Gefühle äußern, die zwischen Ekel, Mitleid und Schuldgefühlen changieren, werden die Aggressionen der Leserschaft explizit gegen die sozialen Helfer-Figuren gerichtet, seien es die Sozialarbeiter oder auch, wie in diesem Fall, auch dessen Gattin, eine Psychologin. Diese erscheint als klassische, manipulative „Psychotante“, die es möglichst zu entlarven gilt. Und natürlich: Die Entlarvung hat was mit der Weiblichkeit der Psychologin zu tun, wie diese ganze Aggression gegen das „Helfende“ auch ein narratives Engendering ist.

Flott, zu flott

So ist Fliege machen ein  lesenswerter, in seinen sozialen Imaginationen aber etwas zu flott geschriebener Krimi, der hinter der Adaption des hard boiled-Stils amerikanischer Schule eine Verachtung der sozial Schwachen und ihrer professionellen Helfer kaschiert und damit die Haltung von Marlowe und Co. in ihr Gegenteil verkehrt: Hinter den toughen Erscheinungen und den zynischen Sprüchen dieser Pivate Eyes verbargen sich die letzten Moralisten einer korrupten Gesellschaft, deren Blicke auf die Gesellschaft das soziale Imaginäre eher sezierten, als dass sie es bestätigt hätten.

Lucie Flebbe: Fliege machen
Kriminalroman
251 Seiten, kt.EUR 8,99, sFr. 14,50

4 Comments on “Gelesen: Lucie Flebbe „Fliege machen“”

  1. 1 Fliegenpapier | Jenseits des täglichen Wahnsinns kommentierte 18:05 on April 24th, 2011:

    [...] “Gespenst der Armut” findet sich ein treffendes Fazit zu diesem “Krimi”: …in seinen sozialen Imaginationen aber etwas zu flott [...]

  2. 2 Elke kommentierte 09:07 on April 25th, 2011:

    Da haben wir ja eine ähnliche Wahnnehmung!

  3. 3 Gespenst der Armut » Blog Archive » Gelesen: Berliner Macht kommentierte 12:26 on November 18th, 2011:

    [...] möglichst schnodderige, tatsächlich oft aber einfache respektlose Sprache garnieren (vgl.> Beitrag) . Auf deren ‚Coolness’ und hard-boiled-Attitüde paßt oft vielmehr die Aussage, die Sybille [...]

  4. 4 Hartz IV und ein Krimi von Ulrich Wegerich « Notizen aus der Unterwelt kommentierte 13:57 on December 6th, 2011:

    [...] möglichst schnodderige, tatsächlich oft aber einfache respektlose Sprache garnieren (vgl.> Beitrag) . Auf deren ‚Coolness’ und hard boiled-Attitüde paßt oft vielmehr die Aussage, die > [...]


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