Ärgerlicher Zwischenruf

Datum: 30.05.2011 | Autor: Elke | Kategorien: Geisterfahrer & Erscheinungen, Texte | Tags: , , | Keine Kommentare »

Einen “Zwischenruf” zum Thema Armut lässt Barbara John im >> Tagesspiegel hören. Sie plädiert für das Ende der (Euro-)Schein-Lösungen beim Thema Armut. Anlass  ist eine Studie, der zufolge die Armen auch nicht anders konsumieren als die Reichen, heißt: zunächst das Notwendige, dann teurere Güter. Nun, wer hätte das gedacht. Allerdings, dies muss man anrechnen, will die CDU-Politikerin auch mit dem Bild von den Armen aufräumen, die  vor allem für das Falsche (Flachbildschirme, Handys etc.) Geld ausgäben.

Die Studie „Poor Economics“, auf die sie sich bezieht, befasst sich allerdings mit absoluter Armut. Hierzulande haben wir eine relative Armut. Diese grundlegende Unterscheidung sollte bei einer solchen Argumentation schon berücksichtigt werden, da sich  entsprechend alle Parameter verschieben.

Wirklich hanebüchen ist folgende Passage: “Die Studie legt zwingend nahe, Arme anders wahrzunehmen und die Armutsbekämpfung zu verändern. Schluss mit den ,(Euro)-Schein-Lösungen’, also der Forderung, ihnen nur mehr Geld in die Hand zu drücken; Bio-Läden werden sie auch dann meiden.” Weiterlesen »


Statistisch gesehen war alles besser

Datum: 10.05.2011 | Autor: Elke | Kategorien: Geisterfahrer & Erscheinungen | Tags: , | Keine Kommentare »

Natürlich soll man nur den Statistiken glauben, die man selber gefälscht hat…. Um eine Fälschung handelt es sich indes nicht bei den nunmehr gesunkenen Zahlen zur Kinderarmut, die dieser Tage bekannt gegeben wurden. Den neuesten Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge waren weniger Kinder in Deutschland arm als bislang angenommen bzw.  berechnet.

Wie dies geht, erklärt der Artikel in der > Frank-furter Rundschau: “Und warum hat das DIW die Armutsquote derart drastisch nach unten korrigiert?  Das Institut lässt jedes Jahr mehr als  20.000 Bürger über ihre Lebenssituation befragen, und zwar immer die gleichen Menschen. Doch seit einigen Jahren sinkt die Bereitschaft, Auskunft zu geben – und darauf haben die Forscher reagiert. Früher haben sie es sich einfach gemacht: Wenn in einem Haushalt mit mehreren Erwachsenen eine Person nichts sagte, wurde ihr Einkommen auf Null gesetzt. Jetzt schaut sich das DIW an, was diese Person im Vorjahr verdiente und schätzt ihre aktuellen Einkünfte. Dadurch sind die – geschätzten – Einkommen vieler Haushalte gestiegen, sie gelten nicht mehr als arm. Natürlich sind mit der neuen Methode auch keine hundertprozentig richtigen Angaben möglich. Die Armutsquote dürfte aber realistischer sein als bisher.”

Nun sollte man sich über jeden Erfolg freuen.  Aber ist es auch einer? Schließlich basieren auch die neuen Angaben auf Schätzungen. Schauen wir auf die hard facts, ebenfalls zitiert aus der FR: “Durch die statistischen Korrekturen hat sich die tatsächliche Lage der Kinder in Deutschland natürlich nicht verbessert. Und hier liegt einiges im Argen, das belegen sehr harte Daten der Bundesagentur für Arbeit: Demnach waren Ende vorigen Jahres 1,7 Millionen Kinder unter 15 Jahren auf Hartz IV angewiesen. Das sind 16 Prozent aller Jungen und Mädchen. In der Gesamtbevölkerung beziehen ‘nur’ zehn Prozent aller Bürger Hartz IV.”

Photo: William Beveridge, 1947:  ‘Studying statistics at Baden Baden

Dank an Annina für den Hinweis!


Der, die, das Hartzer

Datum: 15.12.2010 | Autor: Elke | Kategorien: Geisterfahrer & Erscheinungen | Tags: , , | Keine Kommentare »

“Fünf Euro – sofort und auf die Hand”, unmissverständlich macht Heribert Prantl in der >> Süddeutschen Zeitung klar, wie den Hartz IV-Empfängern ab Januar zu helfen sei: “Es gibt einen Weg, den Hartzern das Geld schon mit Jahresbeginn zukommen zu lassen – auch wenn das neue Gesetz noch nicht in Kraft ist. Der Aufschlag könnte vorab als Darlehen ausbezahlt werden. Ein Risiko für die auszahlende Bundesagentur? Gibt es nicht.” Der Artikel ist Prantl at his best, kämpferisch, konkret und korrekt. Der Beitrag zeigt auch, dass die EmpfängerInnen von Transferleistungen es jetzt sprachlich wirklich zu einer eigenen Klasse – den Hartzern – gebracht haben.  Ein Wort, noch unklar changierend  zwischen  Sprachspiel und Stigma.

Photo: Miss Muffin via Flickr


Rechthaber: Peter Sloterdijk

Datum: 05.12.2010 | Autor: Elke | Kategorien: Geisterfahrer & Erscheinungen | Tags: , , | Keine Kommentare »

„Warum ich doch recht habe“ - unter dieser Überschrift verteidigt der Philosoph >> Peter Sloterdijk in der Zeit (nicht verlinkt) neuerlich seine Vision zur Ersetzung der Steuern durch eine vom Geist der Gabe“ bestimmte Gesellschaft.  Zugleich konstatiert  eine neue >> Studie des  Bielefelder Konfliktforschers Wilhelm Heitmeyer eine Vereisung des sozialen Klimas“ in Deutschland. Insbesondere Besserverdienende verweigerten sozial schwachen Gruppen zunehmend ihre Unterstützung und werteten diese ab. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich die “adressierten Gaben” der Wohlhabenderen  im eisigen Sozialklima vorzustellen:  Mir gebe nix, sagen die Schwaben so schön. Auch wenn vorweihnachtliche Gefühle die Herzen wärmen, sollte der Verstand einem abraten,  das Soziale zur Sache einer freiwilligen Spendenpraxis zu machen. Zumal selbst Weihnachten dieses Jahr sehr ungünstig auf ein Wochenende fällt. Wer weiterlesen möchte, findet einen  längeren Artikel von mir in der >> Frankfurter Rundschau

Nachtrag: Und auch der wie immer großartige Georg Seeßlen nimmt sich in der >> taz der Sloterdijkschen Gaben – diesmal unterm sozial ausdifferenzierten Weihnachtsbaum – an.

Bild: tin.G via flickr


Leben im Slum

Datum: 03.12.2010 | Autor: Elke | Kategorien: Geisterfahrer & Erscheinungen | Tags: , , | Keine Kommentare »

Das Magazin Stern zeigt unter dem Titel >> Schlachtrituale und Tankstellensex Slum-Bilder des südafrikanische Fotografen >> Mikhael Subotzky. Er zeigt das Leben, “das sich zwischen Armut und Gefängnis, Slum und Prostitution abspielt”.

Das heitere Foto zeigt den  >> Slumdog Millionär, wohl eher eine atypische Figur.


Kinder als Leistungsträger

Datum: 17.11.2010 | Autor: Elke | Kategorien: Geisterfahrer & Erscheinungen | Tags: , , | Keine Kommentare »

>> Fokus online : “Kinder ausländischer Eltern könnten künftig die Abschiebung ihrer Familien verhindern – wenn sie gut in der Schule sind. Einen entsprechenden Plan legt Niedersachsens Innenminister Schünemann seinen Länder-Kollegen zur Abstimmung vor.”

Das Kind als Leistungsträger, von dessen Schulresultaten das Aufenthaltsrecht abhängt – so ein Vorschlag ist eigentlich unfassbar. Man möchte sich den Druck überhaupt nicht vorstellen, der damit aufgebaut wird. Zugleich setzt sich hier der allgemeine Druck fort, der mittlerweile die Bildungsdebatten und die Ängste der Eltern bestimmt: Mein Kind muß auf die beste Schule und die besten Noten haben!  Frühförderung kann gar nicht früh genug beginnen! Denn sonst droht dem Kind  das Aus im Kampf um die soziale Position. Woody Allen hatte mal eine lustige Geschichte geschrieben, in der eine reiche Familie in den sozialen Abgrund getrieben wurde, weil sie das Kind nicht im allerangesagtesten frühfördernsten Kindergarten unterbringen konnte. Die ganze Familie bekam die Folgen zu spüren – sie wurde von ihrer Umwelt geschnitten und sukzessive deklassiert. Hier wird die Vision Realität. Schlechte Noten – raus aus Deutschland! Hier möchte man doch ausrufen: Schünemann Note  6 – setzen!

Foto: Alfred T. Palmer


Armutszeugnis: Reiche sollen spenden

Datum: 06.08.2010 | Autor: Elke | Kategorien: Geisterfahrer & Erscheinungen | Keine Kommentare »

Reiche sollen spenden? Nein! Reiche können spenden –   so ist der Satz richtig. Bettler im Mittelalter

Wie gemeldet, führt  die Initiative von  40 US-Milliardären, mindestens die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke spenden zu wollen, zur Forderung, dies solle auch hierzulande geschehen. Da stellt sich die Frage, ob wir direkt ins Mittelalter zurücksteuern. Damals wurde, wie Jean Starobinski in seiner Gaben-Theorie schreibt, der Arme “erfunden”, damit der Reiche durch wohltätige Gaben sein Gewissen erleichtern und im Rahmen der Jenseitsökonomie schon mal Guthabenzinsen auf dem Konto der Jenseitsbank anhäufen konnte.

Diese Forderung zu unterstützen, ist der Gipfel unpolitischen Denkens. Die Politik dankt ab und setzt stattdessen auf private Wohlfahrt. In Zeiten, in denen Ursula von der Leyen schmallippig – und angesichts der Presseerklärung weiß man, dass dieses Wort nicht nur metaphorisch Sinn macht – erläutert, dass es “keine Hinweise” für eine Erhöhung der Hartz IV-Sätze gibt, ist die zeitgleiche Forderung nach Spenden ein wahres Armutszeugnis.


Bettelbanker

Datum: 01.08.2010 | Autor: Elke | Kategorien: Geisterfahrer & Erscheinungen, Musik & Film | Tags: , , | Keine Kommentare »

Gestern bin ich einem meiner Lieblingsbettler begegnet -- ein Satz, den man wirklich nur in bestimmten Stadtteilen formulieren kann. Mein Lieblingsbettler jedenfalls tritt mit einem kleinen Zigarrenkästchen und folgender Aussage an unseren Tisch: “Geben Sie der Bettlerbank. Geld für immer verschwunden, keine Zinsen, nie wieder Kontoauszüge anschauen!” Vor allem die letztgenannte Option lässt mich gerne einen Obolus in einen der zwei kleinen Schlitze der Bettelbank werfen. Ich mag diese Figur des -  ja, was? -- Bettelbankers oder Bettlerbankers: Geld macht arm. Geld macht reich. Ich hoffe, den sehe ich bald wieder.

Bis dahin kann man sich die Zeit mit einem Video von > Bernadette La Hengst vertreiben:

Die Avantgarde Bettler aus der Freiburger Bettleroper von 2009


Symbolpolitik Wasser

Datum: 29.07.2010 | Autor: Elke | Kategorien: Geisterfahrer & Erscheinungen, Musik & Film | Tags: , , | 7 Kommentare »

Sauberes Wasser ist nun ein Menschenrecht (> Tagesschau). Die Vereinten Nationen haben eine entsprechende Resolution angenommen. Erstaunlich ist dabei ja weniger, dass etwas, was man für absolut selbstverständlich erachten würde, weltweit erst mal beschlossen werden muss. Noch viel erstaunlicher ist die Tatsache, dass Länder sich enthalten und damit eigentlich  dagegen stimmen. Was soll das eigentlich bedeuten? Dass man einer Milliarde Menschen das Recht auf  Zugang zu sauberem Wasser abspricht?

Die Aufnahme in die Menschenrechtscharta bedeutet leider nicht, dass es sich um einklagbares Recht handeln würde, sondern auch hier geht es um Symbolpolitik. Diese darf man aber nicht unterschätzen. Zum Glück folgt ja die schwerfällige Realität häufig dem Wünschenswerten nach.
Zur Feier des Tages ein Flashback in die 80er -- Kaltes klares Wasser von Malaria, schön unsauber:


Symbolpolitik Wohnraum

Datum: 24.07.2010 | Autor: Elke | Kategorien: Geisterfahrer & Erscheinungen | Tags: , , | 3 Kommentare »

Die Kommunen sollen nun selbst darüber entscheiden, wie groß und wie teuer die Wohnung eines HartzIV-Empfängers sein darf (> Zeit).  Zwischen 25 und 45 qm sind in der Diskussion. Dabei geht es auch um die Frage, welche Größe “angemessen” sei. Die Tatsache, dass die Kommunen bei der Miete, also den Kosten sparen müssen, kann man ja noch nachvollziehen. Die Frage der Größe ist aber eine symbolische.

Wieviel Raum darf ein Armer belegen? Die Antwort lautet natürlich: so wenig wie möglich. (Das ist natürlich schon da absurd, wo – wie etwa in Berlin – Menschen vor ungefähr hundert Jahren große, schrottige Wohnungen gemietet und flott gemacht haben und nun mit alten Mietverträgen trotz Armut und Prekarität den Luxus des umfänglichen Wohnraums genießen.) In der Frage nach der angemessenen Größe steckt ein sozialer Platzverweis, der in diesem Fall das Symbolische und Reale verschränkt: Dir steht kein Platz zu, mach Dich klein.