The Iron Lady

Datum: 01.02.2012 | Autor: Elke | Kategorien: Texte | Tags: , , | Keine Kommentare »

Sympathiewerte

Erstaunliches vorab: Es ist unmöglich, die > Margaret Thatcher dieses > Filmes nicht irgendwie zu mögen. Gezeigt wird eine alte, leicht verwirrte Frau, die mit den Phantombildern der Vergangenheit, vor allem ihrem Phantomgatten ringt. Denn Thatchers Ehemann Denis zu diesem Zeitpunkt bereits tot. Und doch sitzt die ehemalige Iron Lady jeden Tag in ihrer Wahnwelt traut mit ihm zusammen und bespricht die Dinge des Lebens und die Ereignisse der Vergangenheit. Man müsste schon sehr hartherzig sein, um diese alte Frau, die um ihre Würde und um ihren Verstand ringt, und gleichzeitig ihrer Liebessehnsucht preisgegeben ist, nicht zu mögen.

Die narrative Struktur besteht also aus einer Rahmenerzählung – das Altern einer einstmals mächtigen Frau – und den daran eingelassenen Erinnerungsbildern vom Aufstieg einer „grocer’s daughter” zur ersten Premierministerin Großbritanniens. Die Erinnerungen bilden den zweiten narrativen Faden: das heroische Bild der Frau, die um ihr Recht auf politischen Einfluss kämpft und sukzessive die Männer hinter sich lässt. Und wes Herz schlüge da nicht höher? Vielleicht ist es diese Unbeugbarkeit des Willens zum Aufstieg, der die >Welt von der Sehnsucht nach politischen Riesen in Zeiten politischer Zwerge sprechen lässt.

Und dann ist da noch die Tatsache, dass > Meryl Streep den Film spielt. Denn obwohl sie Thatcher in einem geradezu unglaublichen Anverwandlungsakt wieder aufstehen lässt (der Oscar scheint sicher!), meint man doch, etwas vom Charme der Schauspielerin Streep zu spüren.  Tatsächlich wirkte sie in > Der Teufel trägt Prada um einiges ungemütlicher.  Auch das macht einem die Thatcher des Films sympathisch.

Weiblichkeit

Gerade die Tatsache, dass Thatcher als einzige Frau in die Männerdomäne eindringt, schreibt ihr bildästhetisch eine ‚weibliche‘ Qualität zu, die sie gerade nicht hatte. Der Film fokussiert ihre zarten Pumps zwischen den Männerschuhen, sie bildet in ihrem strahlend blauen Kostüm den schönen Farbfleck im dunklen Einerlei der Anzugträger. Die Inszenierung der Kleidung wird so zu einem irreführenden Zeichen, denn bekanntlich war Thatcher  –  „the best man in England( Ronald Reagan) alles andere als feminin im konventionellen Sinne von weich.

Der Titel „The Iron Lady“ ist also eigentlich falsch. Denn von der beinharten Dame, die eine auf Privatisierungen und Zerschlagung der Gewerkschaften basierende Politik betrieb, ist am wenigsten zu sehen. Die soziale Spaltung des Landes, die ihre Politik erzeugte, wird mittels hektisch geschnittener Sequenzen verdeutlicht, die die Premierministerin meist in ihrem Dienstwagen zeigt, während draußen der marodierende Mob tobt und die Polizei als Prügelknabe der Politik agiert.

Povertty

Allerdings gibt es eine kleine signifikante Szene des Scheiterns. Als Thatcher mit ihren Ministern über die poll tax (Kopfsteuer) debattiert, sind durchaus nicht alle ihrer Meinung, dass jeder den gleichen Steuersatz zahlen solle. Entnervt lässt sie sich die Tagesordnung zeigen, um sich dann über die schlampigen Vorbereitungen zu erhitzen: „Poverty“ ist zwei T geschrieben! Beim wütenden Versuch, „Povertty“zu korrigieren, bricht ihr die Bleichstiftspitze ab. Daraufhin wirft sie die versammelte Mannschaft wegen schlechter Vorbereitung aus dem Raum. Ob nun authentisch oder nicht, ob nun bewusst als Symbolszene verfasst oder nicht: Das Scheitern am Begriff der Armut ist natürlich ein schönes Bild für die Folgen ihrer Politik.
So zeigt diese Szene die Dummheit eines Menschen, dem sämtliche soziale Antennen fehlen. Schon ihr berühmtes, provokantes Statement, es gebe keine Gesellschaft, nur Individuen, ist mehr als nur ein (neo)liberales Credo, es ist schlicht einfältig. Die Heftigkeit, mit der sie das Wort ‘Armut‘ attackiert, ist also lesbar als Bild für den Hass, den die sozial Schwachen bei ihr ausgelöst haben müssen. Thachter gelingt es nicht einmal, das Wort zu korrigieren – von den sozialen Realitäten ganz zu schweigen.


Datum: 25.01.2012 | Autor: Elke | Kategorien: Texte | Keine Kommentare »

Wie sieht die Armut in den USA aus?

Als Gast in Nashville an der Vanderbilt University kann ich sie jedenfalls (noch nicht?) entdecken. In der Gegend  rund um den schönen Campus sieht man nur wenige Menschen, die dem Stereotyp der Armut entsprechen. Ein kleiner Hinweis findet sich bei Starbucks. Die Kaffeekette wirbt dafür, 5 $ zu spenden. Das Ziel: Arbeitsplätze schaffen. Jede 5 Dollar-Spende generiere 35 $, die  von anderen Institutionen kommen. Warum soll der Kaffeehausbesucher dann spenden? So ganz klar wurde mir dies nicht. Wird weiterverfolgt.

Nehmen wir also vorerst einen Bericht der Tagesschau vom 8. November 2011.


Wer früher stirbt, ist länger tot

Datum: 19.12.2011 | Autor: Elke | Kategorien: Texte | Tags: | 1 Kommentar »

Jetzt ist es amtlich: Wer arm ist, stirbt früher. Über eine entsprechende Studie berichtet die >Süddeutsche Zeitung: “Uneinig sind sich Sozialmediziner allenfalls darüber, um wie viele Jahre ein Mensch kürzer lebt, wenn er schlecht ausgebildet ist und sein Einkommen unterhalb der Armutsgrenze liegt. Sieben Jahre Unterschied wurden und werden für Deutschland postuliert, gelegentlich ist bei Männern sogar von einer um bis zu elf Jahre divergierenden Lebenserwartung die Rede.” Der Beitrag verweist auch auf das Buch “Dick, doof und arm” von Friedrich Schorb: Ein Interview, das ich vor zwei Jahren mit ihm führte, findet sich >hier. Die Bundesregierung spricht prompt von Fehlinterpretationen der Daten: “Die Schuldzuweisung an die Unterprivilegierten funktionierte zuverlässig: Wenn ihr das Falsche esst, euch zu wenig bewegt und dabei nach und nach verfettet, müsst ihr euch nicht wundern, wenn eure Kranzgefäße und Hirnarterien verkalken und ihr früher sterben müsst.” Anders gesagt:  Pech für die Realität, wenn sie nicht in meine Vorstellungen paßt.

Foto: John Vachon (1942):  Cemetery at edge of Romney, West Va. (LOC)


Selber Schuld am Hunger

Datum: 17.12.2011 | Autor: Elke | Kategorien: Texte | Keine Kommentare »

Die >>Süddeutsche Zeitung berichtet über eine Aktion der Künstlergruppe > Zentrum für politische Schönheit, die nun strafrechtlich von der Deutschen Bank verfolgt wird. Der Film “Schuld: Die Barbarei Europas” behandelt die Nahrungsmittelspekulationen an den Börsen:  “Im Film ist zu sehen, wie der Aktivist Philipp Ruch sein Handy vor sich auf dem Tisch liegen hat. Er hat in der Pressestelle der Deutschen Bank angerufen. Über die Lautsprecher-Funktion kann der Zuschauer mithören. Ruch fasst die Aussagen des Pressesprechers zusammen, dass also nicht die Banken, sondern die Menschen in Somalia für ihre Armut selbst verantwortlich seien. Daraufhin antwortet der Pressesprecher: ‘Natürlich sind die selbst schuld!’”"

Imagepolitisch ist das natürlich eher unschön.

Lebensmittalausgabe, Ora International via Flickr


Lewitscharoff zur Armut in der Literatur

Datum: 30.10.2011 | Autor: Elke | Kategorien: Texte | Tags: , | 1 Kommentar »

In  >Literaturen stellt > Sibylle Lewitscharoff die wütende Frage, wie es um die Armutsdarstellungen in der Gegenwartsliteratur bestellt sei. Ihr vernichtendes Urteil: “Wir assoziieren arme Leute in wohl- habenden Ländern hauptsächlich mit kaputten Typen, mit Fett- süchtigen, Alkoholikern, Rechtsradikalen und Versagern, die unablässig beraten, therapiert, unterstützt oder polizeilich in die Schranken gewiesen werden müssen, vor allem aber sehen wir in ihnen Leute, die ihre Kinder übel verkommen lassen. Im Grunde ist es so: Den Armen dürfte es in den modernen Wohlstandsgesellschaften gar nicht geben. Kreuzt er dennoch in den Straßen auf oder sieht man ihn im Fernsehen, lastet auf ihm die ganze Schuld, daß er so erbärmlich ist, wie er aussieht und sich benimmt. Deshalb gibt es einen himmelweiten Unterschied, wie Arme in den Romanen, Märchen und Erzählungen des 19. Jahrhunderts, in den beginnenden Industriegesell- schaften, portraitiert wurden, und wie die Armen heute bei uns in der Literatur auftauchen.” Dies stimmt ganz und gar mit dem überein, was dieser Blog schon seit Anbeginn kritisiert. Es ist wunderbar, dass sich die vielleicht sprachmächtigste und phantasievollste Schriftstellerin der deutschen Ggegenwartsliteratur dieser Frage angenommen hat. Vielleicht folgt ja ein Buch zum Thema!


Hunger

Datum: 24.10.2011 | Autor: Elke | Kategorien: Texte | Keine Kommentare »

Der > Tagesspiegel bringt einen Artikel über die Spekulationen mit Rohstoffen. Ein weiteres Problem neben den seit Jahren stattfindenden Landkäufen, die den Ärmsten der Welt buchstäblich den Boden ihrer Existenz entziehen (> Frankfurter Rundschau). Das Resultat: Weltweit steigt der Hunger.

Foto: Brot für die Welt


Grüne raten: selber klagen

Datum: 22.10.2011 | Autor: Elke | Kategorien: Texte | Keine Kommentare »

Die Bundesspitze der Partei Bündnis 90 / Die Grünen verweigert die Einreichung einer Normenkontrollklage zur verfassungsrechtlichen Überprüfung der Hartz IV Regelsätze. Durch eine Normenkontrollklage könnte eine direkte Überprüfung der Hartz IV Regelleistungen beim Bundesverfassungsgericht unternommen werden. Ihr Rat an Hartz IV-Empfänger: Klagt doch selber.
Hier geht’s zum Artikel auf dem Blog Mein Name ist Mensch


Klare Verhältnisse

Datum: 18.10.2011 | Autor: Elke | Kategorien: Texte | Tags: | Keine Kommentare »

Dass es für sozial Schwache immer schwerer wird, aus der eigenen Schicht aufzusteigen, ist nun auch statistisch belegt, wie der Artikel von Jana Gioia Baurmann  im > Tagesspiegel anlässlich des Erscheinens des “Sozialreports für Deutschland” referiert. Die treffliche Überschrift:  “Einmal arm, immer arm”. Ein zentrales Moment bildet die Bildungsbiographie: Wer unstudierte Eltern hat, wird vermutlich auch selbst nicht studieren. Das Umgekehrte gilt selbstverständlich auch. Doch muss man da gleich von Stagnation sprechen?

Nicht unbedingt, denn es gibt durchaus monetäre Dynamiken: “Krise hin, Krise her – die meisten Reichen haben ihre Vermögen im vergangenen Jahr weiter ausgebaut, zudem gibt es in Deutschland 17 neue Milliardäre”, schreibt die >Süddeutsche Zeitung. Wer will da noch meckern: Es herrschen doch klare Verhältnisse.


Erspekulierter Hunger

Datum: 09.10.2011 | Autor: Elke | Kategorien: Texte | Keine Kommentare »

Das Hilfswerk Misereor und der als Mr. Dax bekannt gewordene Börsenexperte Dirk Müller stellen eine Studie vor, die Müller im Auftrag von Misereor erarbeitet hat. Sie belegt den Zusammenhang von Armut und Finanzspekulationen im Argrarsektor: ” ‘Erträge ernten, von Knappheit profitieren!’  Mit solchen Slogans lockt die Finanzbranche Großspekulanten und Privatanleger in Agrarfonds. Jeder kann dabei sein, wenn es darum geht, Kapital aus steigenden Agrarpreisen zu schlagen.” Hier geht’s zum Artikel in der > Frankfurter Rundschau.


Happy Birthday Jim Thompson!

Datum: 27.09.2011 | Autor: Elke | Kategorien: Texte | Tags: , | Keine Kommentare »

Happy Birthday – heute hätte  Jim Thompson Geburtstag!

Jim Thompson gehört zu den Noir-Schriftstellern, der Texte lange nur als eher minderwertige Pulp Fiction galten. Nun ist auch sein autobiographisch inspirierter Debütroman “Jetzt und auf Erden” in deutscher Übersetzung erhältlich. Hier erzählt der Autor von den Mühen, ein Schriftsteller zu werden, wenn man alle Umstände  gegen sich hat: Die Hölle zuhause und  einen Job in der kafkaesk anmutenden Buchhaltung einer Flugzeugfabrik. Vor allem aber keine Zeit zum Schreiben: Da bleibt seinem Alter Ego James ‚Dilly’ Dillon manchmal nichts anderes übrig, als, ständig von den anderen Familienmitgliedern gestört, nachts mit seiner Schreibmaschine auf der Toilette sitzen.

Der Loc/k/us terribilis literaischer Produktion

Wahrlich ein Loc/k/us terribilis als Sinnbild der privaten Erfahrungen, die  Thompsons literarischer Produktion zugrundeliegen, die die Gesellschaft als Kloake imaginiert. Stephen King schreibt im Vorwort zu „Jetzt und auf Erden“ denn auch treffend, Thompsons  analysiere die „Stuhlproben der Gesellschaft“. Es gehe um Menschen, die wie „wuchernde Zellen in den Gedärmen der amerikanischen Gesellschaft hausen.“ Gemeint ist das Personal des Werkes: Psychopathen, Kleinkriminelle und Irre, die sich mit Gewalt nehmen, was sie wollen. Oder Gerechtigkeit so ausüben, wie es ihnen paßt.

Fiktion als Gegenwehr

“Jetzt und auf Erden” läßt sich als Erfahrungshintergrund lesen, der diese Gewaltfiktionen als imaginäre Gegenmaßnahme generierte: Der Roman zeigt die Ohnmacht der amerikanischen Unterschicht während und nach der Great Depression; einer Unterschicht, deren Leben durch schneidende Armut und oft durch Hunger geprägt ist. Zwar hat Dilly  nun, während des Rüstungsbooms im Zweiten Weltkrieg einen Job, doch es bleibt eine Existenz auf Messers Schneide, haarscharf am Absturz vorbei. Jeder Tag kann  eine neue Katastrophe bringen – und dann ist da noch Dillys frühere Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei, die ihm nun zum Verhängnis zu werden droht. Weiterlesen »