Jetzt aber schnell! Bernhard Taureck entwirft eine Gleichheit für Fortgeschrittene

Datum: 11.05.2010 | Autor: Elke | Kategorien: Rezensionen | Tags: , , , | Keine Kommentare »

Wetten, dass Bernhard H. F. Taureck ein Schnellsprecher ist? Langsam räsonierend jedenfalls kann man sich den an der Technischen Universität Braunschweig lehrenden Philosophen angesichts des Tempos,  mit dem er durch Begriffslandschaften und Zeiträume cruist, kaum vorstellen.

 Bernhard H.F. Taureck

Bernhard H.F. Taureck

Taureck geht es um die Frage nach Gleichheit und Gerechtigkeit  in der Gesellschaft und da ist offenbar Tempo geboten.  Denn sein erklärtes Ziel ist die Widerlegung derjenigen antiegalitaristischen Konzepte, die jüngst „als Klassenkampf von oben“ (Axel Honneth) wieder Konjunktur gewonnen haben: seien es Peter Sloterdijks Ausführungen zur Steuerungerechtigkeit, denen die armen Wohlhabenden ausgesetzt sind,  oder diejenigen von Norbert Bolz, der von einer  leider, leider nicht realisierbaren „Aristokratie als Regierung der Besten“ träumt. Forderungen nach Gleichheit und Gerechtigkeit werden hingegen mit der Neid-Keule erledigt.

Um diese antiegalitaristischen Visionen zu widerlegen, wählt Taureck methodisch den Weg über  den Wirklichkeitsbezug  von  Metaphern, denn dieser sei „noch in vieler Hinsicht eine Terra incognita“ (49). Dem würden Literaturwissenschaftler angesichts vielfältiger Untersuchungen zur wirklichkeitsbegründenden Funktion des Fiktiven nicht unbedingt zustimmen, aber Taureck geht die Sache ja auch aus den Argumentationslogiken der Philosophie an. Und hier zeigt sich, dass metaphorische Gleichkeitspostulate häufig auf einem Täuschungsparadigma aufruhen: Dieses -  etwa die  grundgesetzlich verbürgte Gleichheit vor dem Gesetz – suggeriert Gleichheit und damit Gerechtigkeit, tatsächlich aber produziert es das Gegenteil: “Das Gleichheitsgesetz drückt aus, dass Ungleichheiten  gleichsam passiv sein bleiben müssen, indem sie die Behandlungen von Menschen als Menschen nicht beeiträchtigen dürfen. “  (101) So darf niemand etwa wegen seiner Religion benachteiligt werden, allerdings dürfe ihm diese auch nicht zum Vorteil gereichen.  Doch  schweige das Gesetz darüber, dass Eigentum und Macht Ungleichheiten darstellen, die durchaus aktivisch wirksam werden. Taurecks Gewährsmann ist Jean Jacques Rousseau. Dieser erläuterte den alten contrat social des riches – den Gemeinschaftsvertrag der Reichen – folgendermaßen:  “Ihr braucht mich, denn ich bin reich und ihr seid  arm; treffen wir doch unter uns eine Vereinbarung: Ich erlaube, dass ihr die Ehre habt, mir zu dienen, unter der Bedingung, daß ihr mir das wenige geben werdet, was euch bleibt, und dies für die Mühe, der ich mich unterziehen werde, um euch zu befehlen”  (56).  Rousseau entwirft deshalb den Sozialvertrag neu. In dieser Tradition steht auch Taurecks Unterfangen. Die  Gleichheitskonzepte, die er unter die Lupe nimmt, reichen von der Antike über die frühneuzeitlichen Vertragstheorien bis hin zur Gegenwart. Der Autor belässt es dabei nicht bei der philosophischen Analyse, sondern macht auch konkrete Vorschläge zum Abbau von Ungleichheit;  wirksame Instrument sieht er etwa im bedingungslosen Grundeinkommen oder in der Begrenzung der Einkommen nach unten und oben. Sein philosophisches Plädoyer gilt einer  „Gleichheit der Gebrechlichkeit“, in der gesellschaftliche Freiheit nicht wie im Liberalismus als Objektlosigkeit, sondern als nicht-determinierte Objektbindung gedacht wird: als  ein  für alle Menschen  geltender Anspruch auf Rücksichtsnahme und Schutz.

Gleichheit für Fortgeschrittene – dieser Titel stimmt auch insofern, als das Buch zwar sehr verständlich geschrieben, inhaltlich jedoch recht voraussetzungsreich ist. So liest man das Buch mit Gewinn, doch hätte man sich an manchen Stellen etwas weniger Tempo und dafür mehr Ausführlichkeit gewünscht. Doch angesichts der turbulent verlaufenden aktuellen Debatten ist der Fast-Forward-Modus auch wieder verständlich.

Bernhard H. F. Taureck
Gleichheit für Fortgeschrittene
Jenseits von “Gier” und “Neid”
2010, 151 Seiten, Kart., EUR 19.90 / CHF 35.90
ISBN: 978-3-7705-4984-9
(Photo Quelle: Wikipedia / Cover Wilhelm Fink Verlag)

Kommentieren Sie diesen Artikel...