Gesehen: Screening the Poor

Datum: 05.10.2011 | Autor: Elke | Kategorien: Rezensionen, Screening the Poor | Tags: | Keine Kommentare »

Armut als Gesellschaftsspiel

Zwei Damen der feinen Gesellschaft beobachten, wie zwei Straßen- musikerinnen von der Polizei verscheucht werden, leihen deren Kleider aus und gehen nun selbst auf musikalische Betteltour. Ein königliches Vergnügen – bis erneut die Polizei einschreitet, was anders als vorher bei den betröpelten Armen jetzt für noch mehr Erheiterung sorgt. Der Verlobte einer der Damen holt die Damen aus dem Kommissariat, die armen Frauen dürfen die Kleider der Reichen behalten, werden geherzt und bekommen zudem noch einen Obolus zugesteckt. Ende gut, alles gut: Alle sind überglücklich über diesen gelungenen Streich.

Der italienische Stummfilm „Le Violoniste della carità” von 1911 zeigt, dass die Soziale Frage um 1900 auch das Kino heimsuchte – und durchaus unterschiedliche Imaginationen hervorrief. Versammelt ist die Bandbreite filmischer Armuts-Repräsentationen auf der Doppel-DVD „Screening the Poor 1888 – 1914“, die 32 Lichtbilderserien und Filme aus der Frühzeit des Kinos umfasst. Ebenso wie die große, zunächst in Trier und nun in Ulm präsentierte Ausstellung „Armut“ entstand auch diese Dokumentation im Rahmen des DFG-Forschungsprojekts „Armut und Fremdheit“.

Naturgemäß bildet die humoristische Auslegung des Themas Armut die Ausnahme. Vorrangig behandelt auch das neue Medium Film dieses Sujet im kulturhistorisch etablierten Spannungsfeld zwischen Mitleid und Anklage, Voyeurismus und Verdrängung. So wirft der französische Film „Comment les pauvres mangent à Paris“ (1910) einen quasi ethnologischen Blick auf Ernährungsgewohnheiten der Armen und der Clochards. Tatsächlich ist nicht zu rekonstruieren, ob es sich um authentische Aufnahmen oder nicht doch um bezahlte Schauspieler handelt – auch damals kannte man offenbar schon die Scripted Realities des heutigen Unterschichten-Fernsehens.

Armut als das exotische Andere

Überhaupt sind die Armen immer auch die exotischen „Anderen“, wie die frühen „Slumming“-Filme dokumentieren. Der Ausflug in die Armenviertel, den bereits die England-Reiseliteratur in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in stereotypen Wendungen zelebrierte, wird hier nicht nur erneut in Szene gesetzt, sondern ist selbst schon Gegenstand einer Parodie geworden: Im französischen Film „La tournée des Grand Ducs“, ebenfalls von 1910, lassen sich wohlhabende Adelige in einer Spelunke von Schauspielern den „Apachen“-Tanz der kriminellen Halbwelt vorführen. Neben den noblen Parisern amüsiert sich hier auch der Film über die Naivität und Sensationslust der Reichen.

Armutsdebatten

Die Lichtbilderserien und Filme um 1900 stehen zudem in der kulturhistorischen Tradition der Armutsdebatten, die sich vor allem um den neuralgischen Punkt der Armenfürsorge drehen. Wollen die Filme Mitleid für die Armen wecken, so ließ dies Anliegen schon damals am besten über Kinder transportieren. Denn offenkundig müssen sie materielle Notlagen ohne eigenes Verschulden erleiden – und werden zudem oft noch bestraft. In einem englischen Film stiehlt ein hungriger Waisenjunge ein Brot und wird prompt in ein „House of Correction“ gesperrt. In dieser Kinderbesserungsanstalt geht es zu wie in einer Strafkolonie, der Junge flieht, die Polizei greift ihn erneut auf: Ebenso prompt tritt ein warmherziger Wohltäter hinzu, der den Kleinen vom Fleck weg adoptiert – Oliver Twist lässt grüßen. Wo’s ums Gute geht, darf auch ein Kaiser nicht fehlen: Ein Film von 1914 dokumentiert den Besuch von Wilhelm II. im Ostseebad Ahlbeck, wo diese gütig lächelnd ein von ihm gestiftetes Heim für Berliner Arbeiterkinder inspiziert. In der englischen Lichtbilderserie „Ora Pro Nobis“ von 1897 hingegen muss das im Winter vor der Kirchentür bettelnde Mädchen angesichts der Hartherzigkeit der Kirchgänger erfrieren. Hier ist die Armutsikone kindlicher Armut – das Mädchen mit den Schwefelhölzchen – nicht fern und tatsächlich auch in zwei Filmadaptionen zu sehen.

Abschreckung  und Agitation

Ganz anders ist aber um die erwachsenen Armen bestellt. Sie stehen seit der Frühen Neuzeit unter dem Generalverdacht, die Armut selbst verschuldet zu haben, als ein Hauptübel wurde seit je die Trunksucht ausgemacht. Dem wollen die Filme mit abschreckenden Beispielen entgegenwirken und zur Abstinenz aufrufen. Dabei schreckte man vor Drastik nicht zurück: Die englische Bilderserie „Enter not the Dramshop“ (1890) integriert medizinische Schaubilder, um die verheerenden Wirkungen des Alkohols auf den Körper zu zeigen, im  französischen Film „Les Victimes de l’alcoolisme“ (1902) endet ein Arbeiter mit Delirium tremens in der Irrenanstalt. Eine politische-agitatorische Dimension gewinnen aber vor allem die Filme, die sich der Kinderarbeit und den Arbeitsunfällen widmen. So avancierte der Film „The cry of the Children“ (1912), der die unmenschlichen Bedingungen der Kinderarbeit mit dem Leben der Fabrikbesitzer kontrastiert, zum Manifest der amerikanischen Reformbewegung.

Schöne Bilder, keine Lösung

„Screening the Poor“ fokussiert das Thema Armut und schließt damit eine medienhistorische Lücke. Aus heutiger Sicht erstaunt die Anzahl der Dokumente, ebenso wie die charmante Schönheit vor allem der Glasbilder in eigentümlichen Kontrast zu den traurigen Inhalten steht. Unwillkürlich stellt sich die Frage, ob die damaligen Zuschauer eher auf das Bezaubernde der Bilder oder die drängenden Probleme reagierten. Denn die Soziale Frage, die das 19. Jahrhundert bestimmte, war um die Jahrhundertwende mitnichten gelöst. So fanden die in Vortragsälen und Varietés aufgeführten Lichtbilderserien, moritatenähnlich durch die Rezitationen und Musik begleitet, ein ebenso großes Publikum wie die Filme, nicht selten kamen beide Medien parallel zum Einsatz.

Imaginäre Lösungen findet allerdings auch die frühe Traumfabrik nur auf individueller Ebene: Am besten man wandert aus – hier bieten Filme hilfreiche Anregungen – oder man begibt sich ins Jenseits. So zeigt sich das einzige Hoffnungszeichen nicht in den lustigen Gesellschaftsspielen der Armut noch in den stereotypen Wolhtäter-Figuren und auch nicht in der Melodramatik, mit der die toten Armen erhöht werden. Es transportiert sich im Medium selbst. Denn der Film, der immer in enger Verwandtschaft zum Tod gedacht wird, wird im Kontext der Sozialen Frage zum Medium des Lebendigen: Wenn Das Grubenunglück auf Zeche Radbod 1908“ minutenlang die Begräbnisgesellschaft dokumentiert, die hinter den Särgen der verunglückten Kollegen marschiert, dann ist hier tatsächlich das Medium die Botschaft: Das bewegte Kinobild entspricht dem Überleben in der Not, das sich in der Bewegung der Lebenden gegenüber den unbeweglichen Toten zeigt. Denn eines imaginiert auch die Traumfabrik nicht: die Lösung der Sozialen Frage, das Ende der Armut.

Lichtspiele und Soziale Frage. SCREENING THE POOR 1888 – 1914.

Edition Filmmuseum. 2-DVD-Set. 29,95 EUR


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