Rudolf Frieling über Kunst & Krise
Datum: 16.05.2010 | Autor: Elke | Kategorien: Gastbeiträge, Rudolf Frieling | Tags: COPYSTAND, Krise, Kunst, Rudolf Frieling, SF MOMA, Stephanie Syjuco, Tino Sehgal | Keine Kommentare »
Rudolf Frieling ist Kurator für Medienkunst am San Francisco Museum of Modern Art (SFMOMA). Vorher hat er in Berlin und später in Karlsruhe gelebt, gearbeitet (transmediale & ZKM) und eingekauft (offenbar Karstadt). Dass er in seiner Mail zu Kunst und Krise ausgerechnet diesem Kaufhaus eine Ewigkeitsgarantie zuspricht, verdankt sich also der Erinnerung aus der Ferne.
Was die Gespenster der Armut in den Zeiten der Krise von der Kunst lernen können, erläutert er hier:
In der Kunst gibt es keine Armut, sondern nur arme Materialien und besondere Umstände. Die zeitgenössische Kunst insbesondere legt dabei einen Erfindungsreichtum im Umgang mit prekären Situationen an den Tag, der so wohl in keinem andern gesellschaftlichen Bereich anzutreffen ist. Kein Geld? Kein Problem, wir drucken, zeichnen, malen die Scheine, und am Ende, man mag es oft ja kaum glauben, funktioniert das auch noch. Keine Idee? Kein Problem, man kann ja eine klauen. Und das auch noch legal und im quasi offiziellen Auftrag einer Kunstmesse zu machen, dieses Privileg gehört der kalifornischen Künstlerin Stephanie Syjuco. Ihr “parasitäres” Projekt COPYSTAND (also die Übersetzung des Copyshops in den Messestand) war eine 5-tägige kollaborative Anfertigung von Fälschungen im Herzen der Londoner Messe mit eigenem Frieze Art Fair Stand. Ein Team von drei bis fünf freiwilligen Fälschern im Produktionsbereich fertigte eine bunte Folge von Kunstwerkkopien an, die ein paar Stände weiter für teures Geld den Besitzer wechselten. Eben noch entdeckt und im Nu selbst gemacht, so einfach, zeit- und raumnah life die Verwertungskette ab (also kein lästiger Umweg über China). Im formaleren Galerieteil des Standes wurden die Objekte dann für einen Bruchteil des Marktwertes verhökert, und die Nachfrage war enorm. Der Ausverkauf am letzten Messetag brachte dann auch noch das letzte Kopieoriginal an die Frau oder den Mann, so dass die Künstlerin mit leichtem Gepäck wieder gen Westen fliegen konnte. Ökologisch geschult waren bei diesem Fälschungsdeal auch nur lokale (nachhaltige) Materialien der einfachsten Art ver- bzw entwendet worden: Pappe, Plaste, Buntpapier, Modellierton oder auch Packmaterial von der Messe selbst. Ohne Frage entstand so ein jeweiliges Original nach einem Original mit allen Insignien der Handarbeit. Teuerstes Stück: 500 pounds (ca 600 Euro) und jeder künstlerische Produzent im Team erhielt den 100%-gen Erlös sowie, als soziale Absicherung sozusagen, noch ein Tagesstipendium. In diesem Fall vielleicht eine politische Vorsichtsmassnahme und “fairer Lohn”, aber im Grunde praktisch überflüssig: es reicht die Chuzpe, das Kopieren und parasitäre Andocken an erfolgreiche Marktstrategien, solange es nur als eigenständiges Konzept verkauft und vermarktet wird. Künstler können es also billiger machen, sie wollen allerdings oft nicht. Aber das ist ein anderes Thema.
Von der Kunst lernen, heißt…
Was sich ein wenig nach Belustigung anhört, ist aber durchaus ernstzunehmen. In der zeitgenössischen Kunst – und nur hier – können mit Gewinn Strategien erprobt werden, die in anderen Kontexten fatale Folgen hätten. Doch weit entfernt davon, jedem Künstler einen Freibrief auszustellen, gibt die Kunstszene nur denjenigen ein monetäres Feedback, die sich explizit mit einem Alleinvstellungsmerkmal profilieren können. Diese Arbeit am Image ist wiederum Teil der Künstlerpersönlichkeit. Tino Sehgal, um mal nicht aus der Ferne ein Beispiel zu zitieren, sondern einen Berliner mit globalem Renommee zu zitieren. Sehgal verkauft, ohne irgendetwas Materielles oder auch nur Schriftliches zu liefern. Er handelt in Rechten, eine Performanz aufführen zu dürfen. In “This Is New” (2003) rezitiert ein Interpret eine aktuelle Schlagzeile aus der Presse mit dem Zusatz “This Is New by Tino Sehgal, 2003″. Von der Kunst kann man also in ökonomisch harten Zeiten nur lernen. Zeitung lesen und Kunst machen! Bis einem das jemand abkauft können ein paar Jahre vergehen, aber der Tag kommt so sicher wie der Schlussverkauf bei Karstadt.
Photo: facebook





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