Kalt abgeduscht: Thilo Sarrazin
Datum: 02.03.2010 | Autor: Elke | Kategorien: Geisterfahrer & Erscheinungen, Kalt abgeduscht: Thilo Sarrazin, Texte | Tags: HartzIV, Thilo Sarrazin | 1 Kommentar »Unter dem schöne Titel Zartbitter zeichnet Stefan Klein in der Süddeutschen Zeitung vom 01. März 2010 ein Porträt des ehemaligen Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin, dessen Ausführungen in Lettre International – Stichwort: wirtschaftsunproduktive Migranten und geburtsproduktive Unterschichtler – für einige Aufregung sorgten. Man darf also annehmen, dass auch dieser Artikel – ein Gespräch in einem „unscheinbaren Ecklokal“ in Berlin-Charlottenburg – wieder mit Provokantem aufwarten kann. Doch genau besehen gewinnen hier zwei Figuren gegeneinander Kontur: Der unerschrockene Thilo Sarrazin und die Hartz-IVler. Die Kernfrage, an der sich alles entscheidet, lautet: Warm- oder Kaltduscher?
„Ein Warmduscher ist noch nie weit gekommen im Leben.“ Mit diesem Bescheid zum Zusammenhang von Wassertemperatur und Lebenslage beantwortet Sarrazin die Anmerkung des Gastwirtes, der eingangs, quasi als Volkes Stimme zugeschaltet, zugunsten Sarrazins angenehmen will, dieser hätte in seinen kritisierten Äußerungen einfach die Wochen- und Monatssätze für HartzIV verwechselt. Die von Sarrazin befürwortete Körperertüchtigungspraxis ist hier durchaus nicht metaphorisch zu verstehen – schließlich hatte der Gastwirt von einem „Durchlauferhitzer“ gesprochen, den sich HartzIVler wohl nicht leisten können (oder so, Sarrazin läßt ihn nicht ausreden).
Im Verlauf des weiteren Geprächs wird eine kleine Biografie Sarrazins gezeichnet – es ist die eines Aufsteigers aus Verhältnissen, die das „Leben eines HartzIV-Empfängers geradezu ‚paradiesisch‘ aussehen lassen“. Ein Junge, der sich autodidaktisch das Lesen beibringt, der wie weiland Anton Reiser eine „unendliche Lesegeschichte“ beginnt, ein einsames Kind. Doch während die HartzIV-Warmduscher immer noch ihre Paradiesfantasien der Vollversorgung ausleben, hat Sarrrazin den mentalen Kaltwasserhahn schon früh aufgedreht: „Es sei eben keine Geldfrage, ‚alles Quatsch‘, es sei eine Frage der Mentalitäten, des Wollens und der Einstellung. ‚Wo diese fehlt, hilft auch kein Geld, und wo diese da ist, ist das Geld auch gar nicht so wichtig’. Dies sei nun mal, sagt Thilo Sarrazin, ‚die brutale Wahrheit zu HartzIV‘.
Die brutalmöglichste Aufklärung über soziale Sachverhalte legtimiert sich aus der eigenen Herkunft. Interessanterweise geht die von Sarrazin durch mentales Kaltduschen erreichte soziale Mobilität mit der psychischen Immobilität eines Menschen einher, der nach eigenem Bekunden das aktuell drohende Parteiauschlussverfahren „völlig bewegungslos durchsteht“. Irgendwas ist auf dem Weg nach Oben offenbar dauergefroren.





[...] Dieser Blog wird das neue Buch von Thilo Sarrazin Thilo Sarrazinnicht kommentieren. Es scheint sich wieder einmal um die mediale Aufmerksamkeitsökonomie zu [...]