Happy Birthday Jim Thompson!
Datum: 27.09.2011 | Autor: Elke | Kategorien: Texte | Tags: Jetzt und auf Erden, Jim Thompson | Keine Kommentare »Happy Birthday – heute hätte Jim Thompson Geburtstag!
Jim Thompson gehört zu den Noir-Schriftstellern, der Texte lange nur als eher minderwertige Pulp Fiction galten. Nun ist auch sein autobiographisch inspirierter Debütroman “Jetzt und auf Erden” in deutscher Übersetzung erhältlich. Hier erzählt der Autor von den Mühen, ein Schriftsteller zu werden, wenn man alle Umstände gegen sich hat: Die Hölle zuhause und einen Job in der kafkaesk anmutenden Buchhaltung einer Flugzeugfabrik. Vor allem aber keine Zeit zum Schreiben: Da bleibt seinem Alter Ego James ‚Dilly’ Dillon manchmal nichts anderes übrig, als, ständig von den anderen Familienmitgliedern gestört, nachts mit seiner Schreibmaschine auf der Toilette sitzen.
Der Loc/k/us terribilis literaischer Produktion
Wahrlich ein Loc/k/us terribilis als Sinnbild der privaten Erfahrungen, die Thompsons literarischer Produktion zugrundeliegen, die die Gesellschaft als Kloake imaginiert. Stephen King schreibt im Vorwort zu „Jetzt und auf Erden“ denn auch treffend, Thompsons analysiere die „Stuhlproben der Gesellschaft“. Es gehe um Menschen, die wie „wuchernde Zellen in den Gedärmen der amerikanischen Gesellschaft hausen.“ Gemeint ist das Personal des Werkes: Psychopathen, Kleinkriminelle und Irre, die sich mit Gewalt nehmen, was sie wollen. Oder Gerechtigkeit so ausüben, wie es ihnen paßt.
Fiktion als Gegenwehr
“Jetzt und auf Erden” läßt sich als Erfahrungshintergrund lesen, der diese Gewaltfiktionen als imaginäre Gegenmaßnahme generierte: Der Roman zeigt die Ohnmacht der amerikanischen Unterschicht während und nach der Great Depression; einer Unterschicht, deren Leben durch schneidende Armut und oft durch Hunger geprägt ist. Zwar hat Dilly nun, während des Rüstungsbooms im Zweiten Weltkrieg einen Job, doch es bleibt eine Existenz auf Messers Schneide, haarscharf am Absturz vorbei. Jeder Tag kann eine neue Katastrophe bringen – und dann ist da noch Dillys frühere Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei, die ihm nun zum Verhängnis zu werden droht.
Thompson erzählt präzise und poetisch, sehr drastisch und mit grimmigen Humor. Am Ende seines Lebens, das er als Alkohol schmuggelnder Hotelpage, als Arbeiter auf den Ölfeldern, als mäßig erfolgreicher Drehbuchschreiber in Hollywood und als Pulp-Fiktion Autor verbrachte, war Thompson wieder arm. Er starb 1977. Thompson, alkoholkrank, verhungerte – nicht aus Armut, sondern weil er aufhörte zu essen.
Zu Lebzeiten und in Hollywood
Noch zu Lebzeiten wurden zwei seiner Bücher – „Getaway“ von Sam Peckinpah und „The Killer in me“ von Burt Kennedy – verfilmt. Vielleicht ist sein Auftritt als Richter Grayle in der mit Robert Mitchum in der Hauptrolle besetzten Chandler-Verfilmung „Farewell, my lovely“ von 1975 eine kleine Verbeugung Hollywoods vor dem Autor, auf jeden Fall aber war er ein Vorbote: In den 80er und 90er Jahren setzte in den USA eine Thompson-Renaissance ein, die sich in zahlreichen Filmadaptionen und der Neubewertung des Werkes niederschlugen. Er sei der „große Thompson“, schreibt Stephen King, „oft kopiert, nie erreicht“. Bleibt nur der Geburtstagswunsch: Möge sich der Titel des Romans realisieren und das beeindruckende Debüt jetzt und weiterhin auf Erden – und das heißt nun auch in Deutschland – seine Leser finden!
Jim Thompson: Jetzt und auf Erden. Roman. Mit einem Vorwort von Stephen King. Aus dem Amerikanischen von Peter Torberg. € 9,99. Heyne.






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