Gelesen: Armut in der Kunst der Moderne

Armut in der Kunst der Moderne – so der Titel einer Publikation, die es erstmals unternimmt, den Gegenstand systematisch darzustellen (dazu hier auch Beiträge von >Rudolf Frieling und >Jörg Heiser). Der von >Franziska Eißner und >Michael Scholz-Hänsel herausgegebene Band zeichnet ein weites Spektrum nach, das, aufbauend auf den Beiträgen des Kunsthistorikers Scholz-Hänsel zur Armutsikonografie seit der Frühen Neuzeit und des  Sozialwissenschaftlers >Stephan Lessenich zur Armutsproblematik, vor allem das 20. und 21. Jahrhundert in den Blick nimmt.

Dabei stellen sich naturgemäß immer wieder Fragen nach Ethik und Engagement: so etwa in den Serien der Farm Security Administration während der Großen Depression in den USA, die Armen als blitzblanke und saubere Bürger ablichtete.

Ein besonders schönes Beispiel ist die „Migrant Mother“ von Dorothea Lange, die in diesem Kontext entstand:

Für dieses Bild „brauchte sie laut ihrer Aussage keine zehn Minuten, um den Acker mit dem improvisierten Zelt der Familie wieder verlassen zu können. Sie hatte sechs Varianten der gleichen Szenerie im Gepäck, mit denen sie sich immer näher an die Frau herangetastet hat, allerdings nicht einmal ihren Namen in Erfahrungbringt.” Den Rest auf dem Weg zur mariengleichen Ikone der Armut besorgte das Fotolabor.

Der Band bietet sehr gute Analysen, etwa zur unterschiedlichen Herangehensweise von Käthe Kollwitz und Heinrich Zille. Beide stellen die Armut in der Weimarer Republik dar. Doch während Zille auch Humor, Witz und Widerstand  Platz einräumt, ist bei Kollwitz das Elend zumeist an Frauenfiguren festgemacht, während die Männer als verantwortungslose Subjekte erscheinen, die die Not durch Alkoholkonsum usw. noch verschlimmern. Idealisierend arbeitet auch der Brasilianer >Sebastião Salgado, der die heutigen Armen in ein quasi-religiöses Licht taucht:

 

Alle Ausdrucksformen zeigen, dass  Armut kein Sujet wie jedes andere ist. Es stellt eine spezifisch künstlerische Herausforderung dar – der sehr gelungene Band

zeigt, dass und wie diese angenommen wurde und wird. Mit und ohne Not.

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