Pauper & Peregrinus Revisited
Datum: 15.10.2010 | Autor: Elke | Kategorien: Texte, Trailer, Teaser & Geschmacksverstärker | Tags: Armut, Fremde, Integrationsdebatte | 2 Kommentare »Pauper und Peregrinus
Der Fremde und der Arme sind kulturhistorisch eng verwandte Figuren. Im Mittelalter wurden pauper (der Arme) und peregrinus (der Wandernde, der Fremde) fast synonym verwendet. In seinem klassischen >>Beitrag zur Armutstheorie schrieb der Soziologe Georg Simmel: “So steht der Arme freilich ausserhalb der Gruppe, indem er ein blosses Objekt für Vornahmen der Gesamtheit mit ihm ist, aber dieses Ausserhalb ist – kurz ausgedrückt – nur eine besondere Form des Innerhalb.” Und: “Ich verglich ihn (den Armen) dort näher mit dem Fremden, der gleichfalls der Gruppe gegenüber steht – allein dieses Gegenüber bedeutet eine ganz bestimmte Beziehung, die ihn als ein Element in das Gruppenleben hineinzieht.” 
Der Arme und der Fremde teilen also die paradoxe soziale Position der in der Gemeinschaft Ausgeschlossenen. So kann es auch nicht erstaunen, dass die gegenwärtigen Stigmatisierungen der Hartz IV-Empfänger und die aktuelle Integrationsdebatte viel enger zusammengehören als man auf den ersten Blick denken möchte.
Symbolische Transferleistungen
Wie diese symbolischen Transferleistungen heutzutage genau funktionieren, kann man in einem Interview mit dem Sozialpsychologen >>Oliver Decker in der Süddeutschen Zeitung nachlesen. Er spricht über die Studie >>Die Mitte in der Krise, die er gemeinsam mit anderen Autoren im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung erarbeitet hat. Diese zeige, dass immer mehr Menschen in Deutschland zu rechtsextremen Ansichten neigen. Dabei geht es um das Schaffen von “Resonanzräumen”, bei denen Politiker wie Guido Westerwelle die Vorarbeit leisten:
sueddeutsche.de: Seit Wochen wogt eine Islamdebatte durch Deutschland. Hatte diese durch ein Buch des Ex-Bundesbankers Thilo Sarrazin ausgelöste Kontroverse Einfluss auf Ihre Studie?
Decker: Nein, wir haben die Erhebung vorher durchgeführt. Aber: Sarrazin hat sich ja bereits in der Vergangenheit gegen sozial Schwächere geäußert, das richtet sich ja bei ihm nicht nur gegen Migranten, sondern auch Hartz-IV-Empfänger. Der Resonanzraum, der Sarrazin nun zum Schwingen gebracht hat, existierte also schon, bevor er sein Buch veröffentlicht hat.
Auch Guido Westerwelle habe mit seiner Rede von der “spätrömischen Dekandenz” an diesem Resonanzraum mitgearbeitet:
sueddeutsche.de: Profitiert also Sarrazin von der “Vorarbeit” von Westerwelle und anderen?
Decker: Leider ja. Man muss das klar benennen: Westerwelle hat Sarrazin ein Stück weit den Weg bereitet. In dem Moment, in dem sich Vertreter demokratischer Parteien entweder aus Neigung oder politischem Kalkül solcher ressentimentgeladener Reden bedienen, heizen sie diese Diskurse an.
Sarrazin und andere Hassprediger machen also den Dirty Job des hate speech, den vorgeblich Kultiviertere in eleganterer Wortwahl vorbereiten.
Mediale Aufmerksamkeitsökonomien
Auch die deutsch-kroatische Schriftstellerin Jagoda Marinic schrieb gestern in der Frankfurter Rundschau einen sehr lesenswerten >>Artikel zur Integrationsdebatte, in der sie die Angst vor “den Fremden” mit der Stigmatisierung der Armen verbindet:
Foto: Jacob Holdt (American Pictures)





Danke für diesen Beitrag, höchst lesenswerte links und Frau Marinic spricht gekonnt aus, was mir im Kopf herumschwurbelt.
und ich bin über die synchronizität ganz verblüfft.)
Jacob Holdt hab ich auch mal schnell gegoogelt, sehr interessante Arbeit, auch wenn die Homepage ganz schön amerikanisch-reisserisch daher kommt.
(Sehr gerne hättest du auch mein Foto nehmen dürfen, es wäre mir eine enorme Ehre gewesen, und hoffe es ist nicht vermessen
Liebe Smilla,
vielen Dank für die schöne Rückmeldung! Auch mir ging es bei dem Beitrag von Jagoda Marinic so und ich habe mich gefreut, dass ihr und mein Beitrag in der FR so nachbarschaftlich nebeneinander standen!
Meinen größten Dank auch für Dein Angebot, Dein Foto zu verwenden. Das ist ein wunderbares Angebot, mit dem ich nie gerechnet hätte – vielleicht darf ich es demnächst einmal verwenden? (Außerdem treibt mich noch die Hoffung um, Dich als Gast auf meinem Blog zu begrüßen – aber ich weiß: die Zeit ist knapp….)
Ich denke auch, langsam muss man sich in diesen Debatten wirklich positionieren. Obwohl ich eigentlich lieber ironisch-freischwebend schreibe, möchte ich diesen Krawallmachern (und so empfinde ich sie) nicht die Bühne überlassen. Ich glaube nämlich auch wie Jagoda Marinic, dass es ebenso Toleranz und Freundlichkeit hierzulande gibt – aber eben auch viel Angst. Das ist alles sehr diffus – und kann in verschiedene Richtungen laufen. Aber eben auch in Richtung Miteinander und nicht Gegeneinander.
Herzlich: Elke