Sozialstunden im Untergrund. Krimis entdecken den Obdachlosen

Obdachlose sind überall und nirgends – sie stören und sind zugleich unsichtbar. Sie scheinen auf einer sozialen Wahrnehmungsgrenze zu stehen. Was weiß man eigentlich über diese Gestalten, die man nur im Vorbeigehen sieht? Verwahrloste Kleidung, schlechte Zähne, manchmal alkoholisiert – weg ist das Bild. Genauso erging es offenbar den Kölner Kommissare Ballauf und Schenk im Tatort Platt gemacht (4.10.2009), als sie mit dem Mord an einem jungen Obdachlosen konfrontiert waren. Anlass genug also, im volkspädagogisch wertvollen Wechselspiel der beiden Kommissare en passant die Vorurteile und Einsichten durchzudeklinieren, die in der Obdachlosigkeit eigenes Verschulden oder Versagen der Gesellschaft sehen wollen. Begleitet wurden die beiden durch einen, wie es auf der ARD-Homepage heißt: „kultiviert auftretenden Obdachlosen“, der ihnen „einen Einblick in die Szene“ verschafft. Beethoven, so dessen nom de guerre, fungiert als Reiseleiter in eine für die Kommissare wie Zuschauer gleichermaßen fremde, exotische Welt, Suppenküche-Szene inklusive.  Wenn die dritte Kölnerin im Bunde – Franziska – hier in einer Sequenz Essen an Bedürftige ausgibt, wird ganz nebenbei, wie auch schon 2009 im Polizeiruf 110 – Folge Die armen Kinder von Schwerin–, das Engagement der vielen ehrenamtlichen und institutionellen  Tafeln und Suppenküchen gewürdigt.

Gegenüber diesem letztlich philanthropisch gesinnten Tatort brachte der Film Zivilcourage (27. 01.2010) ein anderes Bild des Obdachlosen in Stellung – seltsamerweise blieb es in den Kommentaren zum Film unkommentiert, eben gewissermaßen unsichtbar. Hier gibt Götz George den  feinsinnigen Kreuzberger Antiquar Peter Jordan, der seine Hilfe für einen von Migrationshintergründlern und Kriegsflüchtlingen verprügelten Obdachlosen teuer bezahlen muss. Nach seiner Anzeige bei der Polizei wird er selbst zum Opfer, die Angreifer terrorisieren nun ihn, seine Freunde und seine Familie.  Schnell steht er mit seiner Zivilcourage alleine da. Bleibt als Letzter noch der aus dem künstlichen Koma erwachte Obdachlose – ironischerweise wäre er der letzte Retter, der den vorbildlichen Sozialzivilisten Jordan in der Richtigkeit seines Tuns bestätigen könnte. Doch bei seinem fürsorglichen Besuch im Krankenhaus wird Jordan von diesem angepöbelt und als Mörder  beschimpft –  weil er zwar ihm das Leben, nicht auch aber seinen Hund vor dem Tierheim gerettet hat. Im tief pessimistisch ausgeleuchteten Kreuzberger Kosmos mag Undank der Welten Lohn sein, interessanter ist aber, dass das hier ein neues Bild des Obdachlosen aufscheint.

Zivilcourage bricht unvermerkt mit der noch im Tatort praktizierten Konvention, bei aller Kritik  am selbstverschuldeten Elend immer auch Verständnis und Mitgefühl für die Ärmsten zu transportieren. Der Film zeigt den Obdachlosen als Vertreter einer nicht nur hässlichen, sondern auch  aggressiven, undankbaren Armut. Dass diese Elendsgestalten noch über ein anderes Potential verfügen könnten, als nur den demütigen Blick, malen auch zwei Krimis bildkräftig aus. In Wut verlegt Marcel Feige sein Verbrechensszenario in die Unterwelt – wortwörtlich. Nur zufällig stößt der Student Leif, wegen Haschisch-Besitzes vom Richter zu Sozialstunden verdonnert, auf eine von Obdachlosen bevölkerte Welt: „Auch wenn er nicht wusste, was ihn erwartet, Leif kam es reichlich unangemessen vor, das Noppe die Funzel langsam wie einen Bühnenscheinwerfer  emporrichtete, als würde er absichtlich Spannung erzeugen. Und gleich fallen blutrünstige Monster über uns her.“ Hier stellt der Krimi seine eigenen Mittel aus, denn natürlich tauchen nun im Dämmerlicht, im „fahlen, abgestandenen Geschmack“, im „Gestank von Exkrementen“ die monströsen Obdachlosen auf, die kaum mehr menschlichen Wesen ähneln: „Der Gestank nach Schweiß und Urin wurde stärker. Noppe hatte sich neben einem der Männer niedergelassen. Ein zotteliger, grauer Bart spross aus seinem runzeligen Gesicht. Wo auf den Wangen keine Haare wuchsen, waren etliche Adern aufgeplatzt, seine Nase blutig rot geschwollen. Den Oberkörper verbarg er notdürftig unter einem Unterhemd, dass vor langer Zeit ganz sicher als hochwertiger Feinripp verkauft worden war. Jetzt war es noch ein schmieriger Fetzen Stoff, dem wie sein Besitzer jeder Halt fehlte; seine Arme und Beine waren mit Schürf- und Schnittwunden übersät, die Kniescheiben aufgerissen.“

Das  Schauerszenario steht in einer langen Linie literarischer Imaginationen über die „Unterwelt“ der sozial Deklassierten. Victor Hugo und Charles Dickens beschrieben großstädtisches Elend und Verbrechen in einer Mischung aus Faszinosum und Schrecken, Eugene Sue enthüllte die Mysterien von Paris, denen etliche deutsche „Enthüllungstexte“ folgten. Die England-Reisenden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts schließlich wagten sich vor in das „Laboratorium der Moderne“ (Tilman Fischer) und stießen dabei auf grauenhafte Elendsgestalten. Dass sie dabei auf bewährte Ingredienzien ndes Schauerromans – Ruinen, flackernde Lichter, eisige Kälte –  zurückgriffen und weniger authentische Augenzeugenberichte waren, machte die Szenerien umso effektvoller. Dabei entwickelten die Reisenden das Bild des Bettlers als Gespenst und etablierten damit das „Zentralbild von Armut und Moderne“ (Fischer). Der neapolitanische Lazzarone als Sinnbild des armen, aber fröhlichen Lebens, das, wie Goethe betonte,  nicht unterm Hausdach, sondern unter der freigiebigen Sonne stattfindet, hatte abgedankt, nunmehr waren es geisterhafte Gestalten, die den wohlhabenden Reisenden und mit ihm seine Leserschaft schreckten. In wenigen Jahren wurden aus den anfänglich beklagenswerten Gespenstern sehr bedrohliche Wesen. Ihre realen Vorbilder hatten sich vielleicht nicht verändert – aber die Stimmungslage des Publikums.

Die aktuellen Darstellungen des Obdachlosen knüpfen hier bruchlos an. Die filmischen und literarischen Armuts-Gestalten kriechen aus dem imaginären Untergrund, und was da kommt, sieht zunehmend ungut aus. In Werner Köhlers Krimi Crinellis kalter Schatten formiert sich eine Obdachlosen-Armee. Angeführt werden sie allerdings von einem durchgedrehten GSG9-Elitepolizisten. In Feiges Wut wird ein Sozialarbeiter angesichts des Elends wahnsinnig und funktionalisiert die Obdachlosen zu Mördern um.  Beide Krimis schildern höchst engagierte Sozialarbeiter. Sie trauen sich in den Untergrund des Untergrunds, sie helfen selbstlos, aber als Sympathieträger haben sie erstaunlicherweise ausgedient. Sie verkörpern die Affekte, zu denen zu denen die Obdachlosen scheinbar gar nicht mehr fähig sind, diese bleiben, wie es bei Köhler heißt: „Marionetten“.

So bleiben sie auch literarisch gesehen Marionetten, gewinnen auch hier nur eine monströse Qualität, bleiben aber letztlich deformierte, willenlose Wesen. So wenig diese Unbehausten ein Dach über dem Kopf haben, so wenig haben die Behausten ein Bild von ihnen. Anschauungsunterricht gab Günter Wallraff in der Undercover-Reportage Unter null:  Obdachlose müssen lange Wege gehen, um einen Schlafplatz zu finden, sie übernachten unter sehr unwürdigen Bedingungen, etwa in einem Bunker. Es zeigten sich auch Wut und Aggressionen – allerdings auf die anderen Obdachlosen, die stören, die Platz wegnehmen wollen, die sich nicht an Regeln halten. Von einer Wut ‚nach oben’ war hier eigentlich nicht viel zu sehen.  Diese Wut nach oben ist also (noch?) eine literarische Erscheinung – Schreckensbilder, gewonnen im Untergrund der Imaginationen.

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