Ästhetik des Mitleids

Ulrich Greiner auf der-zeit.de würdigt in einem längeren Beitrag Heinrich Böll, den es als Schriftsteller des Mitleids wieder zu lesen gälte. Er verweist dabei auch auf die “Notizhefte” von Hennig Ritter, der eine überraschende Tagebuchnotiz von Ernst Jünger aufgreift. Dieser bezeichnet 1945 “die ergreifende Schilderung der Armut” als Aufgabe des Schriftstellers. Ritter bemerkt dazu: “Dass dies kein Thema mehr ist, sagt mehr über den Zustand der Kultur als manches andere. Das 19. Jahrhundert hat ergreifende Schilderungen der Armut hervorgebracht, bei den Russen oder bei Balzac, Zola oder Dickens. Das hing mit dem Glauben an die Macht der Literatur zusammen, der heute erloschen ist. Das große Beispiel für diese Macht der Literatur war Onkel Toms Hütte, nicht große Literatur, aber Literatur der großen Wirkung. Die Literatur hat sich vom Mitleid emanzipiert, deswegen kennt sie die Gegenstände nicht mehr, die sich nur durchs Mitleid erkennen lassen. Die Literatur, die wirken will, will nicht mehr den Umweg über das Mitleid gehen, sie will nicht rühren, sondern Taten sehen. Dadurch macht sie sich zum Instrument der Täter.”
Ein radikaler Gedanke, der die Frage nach den Wirkungsästhetiken der Literatur noch einmal neu stellt.

Petition für Shiva Nazar Ahari

Reporter ohne Grenzen hat eine Kampagne für die iranische Bloggerin und Menschenrechtsaktivistin Shiva Nazar Ahari gestartet, die seit dem 20. Dezember 2009 in Teheran inhaftiert ist. Ihr wird unter anderem “Moharebeh” vorgeworfen, offenbar so etwas wie “Feindschaft gegen Gott”. “Moharebeh” stellt ein Kapitalverbrechen in der Islamischen Republik Iran dar und wird mit dem Tode bestraft. Shiva Nazar Aharis Gerichtsverhandlung ist für den 4. September 2010 angesetzt. Als Bloggerin, die sich  schwer vorstellen kann, dass Feindschaft gegen Gott ein justizibales Verbrechen darstellt, und als  Gegnerin der Todesstrafe schließe ich mich dem Appell von RoG an und rufe ebenfalls dazu auf, diese Petition zu unterzeichnen.

Revolutionsplätze

Der Tahrir-Platz in Kairo wurde zum Symbol und Sinnbild der Revolution in Ägypten. Einen Blick auf die Vorgeschichte des Platzes bringt die NZZ online: ” Immer mehr Reiche fliehen aus Kairo und überlassen die grösste Stadt Afrikas ihrem vermeintlich unabwendbaren Schicksal: Armut, Verwahrlosung und Überbevölkerung. Nicht mehr lang, so die vorherrschende Meinung, und die Metropole werde den Verkehrsinfarkt erleiden. Der Tahrir-Platz mit seinen Dauerstaus war immer auch eine Verkörperung dessen, was nicht funktioniert im Land.” Zwei Drittel der Kairoer leben  in städtischen Slums, die Reichen fliehen in die Wüste. Dort entstehen luxuriöse Viertel jenseits des städtischen Chaos. Stadtplaner haben nun weitreichende Visionen, Kairo zu modernisieren. Ein sehr lesenswerter Artikel über eine wunderbare Stadt.

Foto: Christoph S.

Sozialstunden im Untergrund. Krimis entdecken den Obdachlosen

Obdachlose sind überall und nirgends – sie stören und sind zugleich unsichtbar. Sie scheinen auf einer sozialen Wahrnehmungsgrenze zu stehen. Was weiß man eigentlich über diese Gestalten, die man nur im Vorbeigehen sieht? Verwahrloste Kleidung, schlechte Zähne, manchmal alkoholisiert – weg ist das Bild. Genauso erging es offenbar den Kölner Kommissare Ballauf und Schenk im Tatort Platt gemacht (4.10.2009), als sie mit dem Mord an einem jungen Obdachlosen konfrontiert waren. Anlass genug also, im volkspädagogisch wertvollen Wechselspiel der beiden Kommissare en passant die Vorurteile und Einsichten durchzudeklinieren, die in der Obdachlosigkeit eigenes Verschulden oder Versagen der Gesellschaft sehen wollen. Begleitet wurden die beiden durch einen, wie es auf der ARD-Homepage heißt: „kultiviert auftretenden Obdachlosen“, der ihnen „einen Einblick in die Szene“ verschafft. Beethoven, so dessen nom de guerre, fungiert als Reiseleiter in eine für die Kommissare wie Zuschauer gleichermaßen fremde, exotische Welt, Suppenküche-Szene inklusive.  Wenn die dritte Kölnerin im Bunde – Franziska – hier in einer Sequenz Essen an Bedürftige ausgibt, wird ganz nebenbei, wie auch schon 2009 im Polizeiruf 110 – Folge Die armen Kinder von Schwerin–, das Engagement der vielen ehrenamtlichen und institutionellen  Tafeln und Suppenküchen gewürdigt.

Gegenüber diesem letztlich philanthropisch gesinnten Tatort brachte der Film Zivilcourage (27. 01.2010) ein anderes Bild des Obdachlosen in Stellung – seltsamerweise blieb es in den Kommentaren zum Film unkommentiert, eben gewissermaßen unsichtbar. Hier gibt Götz George den  feinsinnigen Kreuzberger Antiquar Peter Jordan, der seine Hilfe für einen von Migrationshintergründlern und Kriegsflüchtlingen verprügelten Obdachlosen teuer bezahlen muss. Nach seiner Anzeige bei der Polizei wird er selbst zum Opfer, die Angreifer terrorisieren nun ihn, seine Freunde und seine Familie.  Schnell steht er mit seiner Zivilcourage alleine da. Bleibt als Letzter noch der aus dem künstlichen Koma erwachte Obdachlose – ironischerweise wäre er der letzte Retter, der den vorbildlichen Sozialzivilisten Jordan in der Richtigkeit seines Tuns bestätigen könnte. Doch bei seinem fürsorglichen Besuch im Krankenhaus wird Jordan von diesem angepöbelt und als Mörder  beschimpft –  weil er zwar ihm das Leben, nicht auch aber seinen Hund vor dem Tierheim gerettet hat. Im tief pessimistisch ausgeleuchteten Kreuzberger Kosmos mag Undank der Welten Lohn sein, interessanter ist aber, dass das hier ein neues Bild des Obdachlosen aufscheint.

Zivilcourage bricht unvermerkt mit der noch im Tatort praktizierten Konvention, bei aller Kritik  am selbstverschuldeten Elend immer auch Verständnis und Mitgefühl für die Ärmsten zu transportieren. Der Film zeigt den Obdachlosen als Vertreter einer nicht nur hässlichen, sondern auch  aggressiven, undankbaren Armut. Dass diese Elendsgestalten noch über ein anderes Potential verfügen könnten, als nur den demütigen Blick, malen auch zwei Krimis bildkräftig aus. In Wut verlegt Marcel Feige sein Verbrechensszenario in die Unterwelt – wortwörtlich. Nur zufällig stößt der Student Leif, wegen Haschisch-Besitzes vom Richter zu Sozialstunden verdonnert, auf eine von Obdachlosen bevölkerte Welt: „Auch wenn er nicht wusste, was ihn erwartet, Leif kam es reichlich unangemessen vor, das Noppe die Funzel langsam wie einen Bühnenscheinwerfer  emporrichtete, als würde er absichtlich Spannung erzeugen. Und gleich fallen blutrünstige Monster über uns her.“ Hier stellt der Krimi seine eigenen Mittel aus, denn natürlich tauchen nun im Dämmerlicht, im „fahlen, abgestandenen Geschmack“, im „Gestank von Exkrementen“ die monströsen Obdachlosen auf, die kaum mehr menschlichen Wesen ähneln: „Der Gestank nach Schweiß und Urin wurde stärker. Noppe hatte sich neben einem der Männer niedergelassen. Ein zotteliger, grauer Bart spross aus seinem runzeligen Gesicht. Wo auf den Wangen keine Haare wuchsen, waren etliche Adern aufgeplatzt, seine Nase blutig rot geschwollen. Den Oberkörper verbarg er notdürftig unter einem Unterhemd, dass vor langer Zeit ganz sicher als hochwertiger Feinripp verkauft worden war. Jetzt war es noch ein schmieriger Fetzen Stoff, dem wie sein Besitzer jeder Halt fehlte; seine Arme und Beine waren mit Schürf- und Schnittwunden übersät, die Kniescheiben aufgerissen.“

Das  Schauerszenario steht in einer langen Linie literarischer Imaginationen über die „Unterwelt“ der sozial Deklassierten. Victor Hugo und Charles Dickens beschrieben großstädtisches Elend und Verbrechen in einer Mischung aus Faszinosum und Schrecken, Eugene Sue enthüllte die Mysterien von Paris, denen etliche deutsche „Enthüllungstexte“ folgten. Die England-Reisenden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts schließlich wagten sich vor in das „Laboratorium der Moderne“ (Tilman Fischer) und stießen dabei auf grauenhafte Elendsgestalten. Dass sie dabei auf bewährte Ingredienzien ndes Schauerromans – Ruinen, flackernde Lichter, eisige Kälte –  zurückgriffen und weniger authentische Augenzeugenberichte waren, machte die Szenerien umso effektvoller. Dabei entwickelten die Reisenden das Bild des Bettlers als Gespenst und etablierten damit das „Zentralbild von Armut und Moderne“ (Fischer). Der neapolitanische Lazzarone als Sinnbild des armen, aber fröhlichen Lebens, das, wie Goethe betonte,  nicht unterm Hausdach, sondern unter der freigiebigen Sonne stattfindet, hatte abgedankt, nunmehr waren es geisterhafte Gestalten, die den wohlhabenden Reisenden und mit ihm seine Leserschaft schreckten. In wenigen Jahren wurden aus den anfänglich beklagenswerten Gespenstern sehr bedrohliche Wesen. Ihre realen Vorbilder hatten sich vielleicht nicht verändert – aber die Stimmungslage des Publikums.

Die aktuellen Darstellungen des Obdachlosen knüpfen hier bruchlos an. Die filmischen und literarischen Armuts-Gestalten kriechen aus dem imaginären Untergrund, und was da kommt, sieht zunehmend ungut aus. In Werner Köhlers Krimi Crinellis kalter Schatten formiert sich eine Obdachlosen-Armee. Angeführt werden sie allerdings von einem durchgedrehten GSG9-Elitepolizisten. In Feiges Wut wird ein Sozialarbeiter angesichts des Elends wahnsinnig und funktionalisiert die Obdachlosen zu Mördern um.  Beide Krimis schildern höchst engagierte Sozialarbeiter. Sie trauen sich in den Untergrund des Untergrunds, sie helfen selbstlos, aber als Sympathieträger haben sie erstaunlicherweise ausgedient. Sie verkörpern die Affekte, zu denen zu denen die Obdachlosen scheinbar gar nicht mehr fähig sind, diese bleiben, wie es bei Köhler heißt: „Marionetten“.

So bleiben sie auch literarisch gesehen Marionetten, gewinnen auch hier nur eine monströse Qualität, bleiben aber letztlich deformierte, willenlose Wesen. So wenig diese Unbehausten ein Dach über dem Kopf haben, so wenig haben die Behausten ein Bild von ihnen. Anschauungsunterricht gab Günter Wallraff in der Undercover-Reportage Unter null:  Obdachlose müssen lange Wege gehen, um einen Schlafplatz zu finden, sie übernachten unter sehr unwürdigen Bedingungen, etwa in einem Bunker. Es zeigten sich auch Wut und Aggressionen – allerdings auf die anderen Obdachlosen, die stören, die Platz wegnehmen wollen, die sich nicht an Regeln halten. Von einer Wut ‚nach oben’ war hier eigentlich nicht viel zu sehen.  Diese Wut nach oben ist also (noch?) eine literarische Erscheinung – Schreckensbilder, gewonnen im Untergrund der Imaginationen.

Gelesen: Armut in der Kunst der Moderne

Armut in der Kunst der Moderne – so der Titel einer Publikation, die es erstmals unternimmt, den Gegenstand systematisch darzustellen (dazu hier auch Beiträge von >Rudolf Frieling und >Jörg Heiser). Der von >Franziska Eißner und >Michael Scholz-Hänsel herausgegebene Band zeichnet ein weites Spektrum nach, das, aufbauend auf den Beiträgen des Kunsthistorikers Scholz-Hänsel zur Armutsikonografie seit der Frühen Neuzeit und des  Sozialwissenschaftlers >Stephan Lessenich zur Armutsproblematik, vor allem das 20. und 21. Jahrhundert in den Blick nimmt.

Dabei stellen sich naturgemäß immer wieder Fragen nach Ethik und Engagement: so etwa in den Serien der Farm Security Administration während der Großen Depression in den USA, die Armen als blitzblanke und saubere Bürger ablichtete.

Ein besonders schönes Beispiel ist die „Migrant Mother“ von Dorothea Lange, die in diesem Kontext entstand:

Für dieses Bild „brauchte sie laut ihrer Aussage keine zehn Minuten, um den Acker mit dem improvisierten Zelt der Familie wieder verlassen zu können. Sie hatte sechs Varianten der gleichen Szenerie im Gepäck, mit denen sie sich immer näher an die Frau herangetastet hat, allerdings nicht einmal ihren Namen in Erfahrungbringt.” Den Rest auf dem Weg zur mariengleichen Ikone der Armut besorgte das Fotolabor.

Der Band bietet sehr gute Analysen, etwa zur unterschiedlichen Herangehensweise von Käthe Kollwitz und Heinrich Zille. Beide stellen die Armut in der Weimarer Republik dar. Doch während Zille auch Humor, Witz und Widerstand  Platz einräumt, ist bei Kollwitz das Elend zumeist an Frauenfiguren festgemacht, während die Männer als verantwortungslose Subjekte erscheinen, die die Not durch Alkoholkonsum usw. noch verschlimmern. Idealisierend arbeitet auch der Brasilianer >Sebastião Salgado, der die heutigen Armen in ein quasi-religiöses Licht taucht:

 

Alle Ausdrucksformen zeigen, dass  Armut kein Sujet wie jedes andere ist. Es stellt eine spezifisch künstlerische Herausforderung dar – der sehr gelungene Band

zeigt, dass und wie diese angenommen wurde und wird. Mit und ohne Not.

Besuchercouch: Antje Schrupp

Bedingungslos gut?

Was könnte das bedingungslose Grundeinkommen bewirken? Wie sähe eine Gesellschaft aus, in der jeder Mensch über ein Einkommen verfügte –  ohne Bedürftigkeitsprüfung und ohne den Zwang zur Gegenleistung? Welche Auswirkungen hätte dies auf unser Menschenbild und die Arbeitswelt?

Darüber spreche ich mit der Politologin, Journalistin und Bloggerin Antje Schrupp, die gemeinsam mit Christof Arn, Dorothee Markert, Ina Praetorius, Michaela Moser, Ursula Knecht-Kaiser, Angela Berlis und  Maria K. Moser bereits 2004  ein Manifest zum bedingungslosen Grundeinkommen verfasst hat.

Ich danke Antje sehr herzlich für das schöne Interview!

Bedingungslos gut unterstützt mit der Kamera hat mich  Ansgar Warner –

auch hier meinen herzlichsten Dank!